Im Juni und Juli werden an Deutschlands Schulen viele Zeugnisse verliehen und es gehört zu den schönsten Aufgaben des Schulleiter-Daseins, vor den Absolvent:innen, Lehrkräften und Eltern zum Abschied nochmals seine Gedanken ausbreiten zu dürfen. Ein Moment, den ich jedes Jahr sehr genieße, zumal die Höflichkeit es den Anwesenden nicht erlaubt, lautstark zu protestieren, den Saal zu verlassen (noch haben sie ihr Zeugnis nicht) oder sich – wie gelegentlich in den Schuljahren zuvor – einfach mit anderen Dingen zu beschäftigen, bis der da vorne aufhört zu reden und wieder erquicklichere Programmpunkte auf der Agenda stehen.
In einer gewissen Tradition stelle ich gerne an dieser Stelle meine Rede vom letzten Jahr zur Verfügung – bediene sich daran, wem es nützt und vielleicht bewahrt es ja sogar den ein oder anderen davor, sich im Zustand der rhetorischen Leere und einer gewissen geistigen Erschöpfung, die mit so einem Schuljahresende ebenso einhergeht, die Abschlussworte von der KI schreiben zu lassen; das würde mich freuen.
Direkt vor der Rede haben zwei Schülerinnen den Song „Weust a Mensch bist“ von Seiler und Speer vorgetragen; ein emotionaler Rahmen, der es leicht macht, daran anzuknüpfen:
Text der Abschlussrede 2025 (für die Veröffentlichung leicht gekürzt):
„Weilst a Mensch bist, a guade Mensch, vui mehr ois a Mensch“ – was für eine beeindruckende Hommage an einen offensichtlich sehr besonderen Menschen, der selbstlos, bescheiden und warmherzig ist. Der anderen hilft, nicht materiellen Dingen hinterher rennt, sondern durch Echtheit, Güte und Menschlichkeit überzeugt. Ein Mensch, dessen Wirken über das Leben hinausreicht, der so besonders ist, dass er ewig weiterleben soll.
Liebe Absolventinnen und Absolventen,
liebe Eltern, liebe Ehrengäste, liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich wünsche uns allen, dass wir solche Menschen in unseren Leben haben dürfen. Und ich wünsche euch, liebe Absolventen und Absolventinnen ganz besonders, dass ihr selbst solche Menschen für andere sein könnt.
„Gemeinsam sind wir stark“ – dieses Motto hat sich die Schulgemeinschaft der Realschule Tegernseer Tal kurz nach ihrer Gründung gegeben. Verlässlichkeit und Vertrauen, eine gemeinsam wahrgenommene Verantwortung, Rücksichtnahme und Akzeptanz, das Erleben von Vielfalt als Stärke – auf diese Werte als Basis des Zusammenlebens hat sich die Schulgemeinschaft festgelegt. Unsere Schule soll ein Ort sein, an dem junge Menschen nicht nur lernen, sondern wachsen – miteinander, aneinander, füreinander und für eine Gesellschaft, in der Respekt, Verantwortung und Mitgestaltung selbstverständlicher Teil sind.
Wie sich dieses Bemühen konkretisiert, habt ihr, liebe Jugendliche, in den vergangenen Jahren erlebt. Was bleibt, sind die Erinnerungen an ein vielfältiges Schulleben, an über 6000 mal mehr, mal weniger spannende Unterrichtsstunden, an Projekte, Wahlfächer, Wettbewerbe, Exkursionen und Fahrten. Wir haben euch vor einigen Wochen gebeten, zum Ende eurer Schulzeit nochmal eine Umfrage auszufüllen; lasst uns da mal gemeinsam reinschauen.
Die erste Frage lautete, was du als besonders schön in Erinnerung behalten wirst. 95% ist etwas eingefallen; das ist doch schon mal sehr positiv. Namen von Mitschülerinnen und Mitschülern tauchen da auf, auch von Lehrkräften, von denen ihr euch besonders gut begleitet gefühlt habt. Dann natürlich: Wahlfächer, Schullandheim, Abschlussfahrt, Adventsmarkt, Tage der Orientierung:

Eure Rückmeldungen bestärken uns darin, so ein vielfältiges Schulleben zu pflegen. Mit diesen Nennungen des Besonderen ist auch keine Geringschätzung für das Alltägliche, für den Unterricht verbunden. Es ist nämlich kein Zufall, dass ihr euch genau an die Momente erinnert, in denen Freude, Fröhlichkeit und Gemeinschaft besonders zu spüren waren.
Haben Sie schon einmal vom Psychologen Martin Seligman gehört?
Er gilt als Mitbegründer der sog. „Positiven Psychologie“. Dahinter verbirgt sich kein esoterisches Luftschloss, sondern die Frage, was (wissenschaftlich fundiert!) das Leben lebenswert macht und wie Menschen ihre Stärken, Freude und Zufriedenheit fördern können, wie man glücklich wird. Fünf Kernelemente hat Seligmann in seinem „PERMA“-Modell beschrieben, die Menschen brauchen, um aufzublühen:

(Bild für den Blogbeitrag mit KI erstellt; in der Rede habe ich ein reduziertes Bild verwendet und die Säulen nach und nach eingeblendet.)
Zunächst braucht es Positive Emotionen.
Sie entstehen dort, wo Gemeinschaft gelingt. Bei den Klassengemeinschaftstagen, der Abschlussfahrt, beim gemeinsamen Lachen im Klassenzimmer. Dort, wo Menschen merken: Ich bin willkommen. Und deshalb habt ihr diese Erinnerungen an uns zurückgemeldet. Sucht diese Momente mit positiven Gefühlen, kostet sie aus, schafft ihnen Raum in eurem Leben und im Leben anderer!
Dazu gehört auch der Humor; in unserer Umfrage habt ihr auch von lustigen Momenten erzählt; manche schrieben sogar, dass jeder Tag lustig gewesen sei, andere erzählen von „Insider-Sprüchen“, vom gemeinsamen Lachen, zusammengebrochenen Stühlen und Pulten und bei Gelegenheit würde ich doch auch die Geschichte mit dem Handy im Schrank und den Tiergeräuschen darauf gerne noch erzählt bekommen.
Glücklich wird, wer Engagement zeigt.
Ihr habt euch vielfältig engagiert; wir werden die Urkunden dafür gleich verleihen: in der SMV, bei den Schulsanis, bei musikalischen und sportlichen Ereignissen, im Rat der Schülerinnen und Schüler, in Wahlfächern und AGs, bei Projekten und Veranstaltungen, natürlich auch beim alltäglichen Lernen und Leisten. Bleibt engagiert! Für euch und für die Menschen um euch herum!
R wie Relationships: Die dritte Säule des Glücks sind gelingende Beziehungen.
Lernen gelingt dort, wo stabile, vertrauensvolle Beziehungen die Grundlage dafür legen. Der Anspruch ist: Unsere Schule soll für alle ein stabiler, sicherer Ort sein. Aber zur Wahrheit gehört auch: Das gelingt bei weitem nicht immer. Es gibt Konflikte, Sorgen, Enttäuschungen. Nicht jeder Tag ist ein Glanzstück, nicht jedes Vorhaben ein Erfolg. Gerade dann zeigt sich, ob die Beziehung, ob unser Motto trägt. „Gemeinsam sind wir stark“ heißt dann: Wenn etwas nicht gelingt, suchen wir gemeinsam neue Wege. Wenn Frust oder Angst überwiegen, schauen wir zusammen wieder nach vorn. Und wenn es gut läuft, wissen wir: Erfolg ist fast nie eine Einzelleistung.
Deshalb ist dieser Tag auch ein Tag, an dem ich – im Namen der ganzen Schulgemeinschaft – sehr herzlich Danke sagen möchte:
- Ich danke allen, die zum Gelingen des heutigen Tages beigetragen haben; mein Vorredner hat die Gruppen und Personen bereits genannt.
- Euch, liebe Schülerinnen und Schülern, danke ich persönlich, aber auch im Namen aller Lehrkräfte, für die gemeinsame Zeit; dafür, dass ihr uns jung haltet. Der amerikanische Schriftsteller Mark Twain hat ja einmal gesagt: „Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend.“ Auch wenn es sich manchmal wie ein Kampf anfühlen mag, bin ich überzeugt, dass es am Ende doch viel mehr ein Mit- und Aneinander Wachsen ist. Und wenn man Mark Twain zitiert, muss man ein gewisses Augenzwinkern ohnehin mitdenken; zumal er ja auch betont hat: „Ich habe mir nie meine Erziehung durch Schulbildung verderben lassen.“
- Ihnen, liebe Eltern sowie dem Elternbeirat unserer Schule danke ich für die Unterstützung Ihrer Kinder, aber auch der schulischen Arbeit und für das Vertrauen in unsere Arbeit; ganz besonders auch für Ihr Verständnis und Ihre Flexibilität angesichts der terminlichen Umplanungen bei den Feierlichkeiten.
- Die Lehrkräfte haben einen großen Anteil daran, dass heute alle Jugendlichen, die zu den Prüfungen angetreten sind, auch ein Zeugnis über den erfolgreichen Abschluss erhalten können. Vielen Dank, liebe Kolleginnen und Kollegen, für euer Engagement und eure Bereitschaft, immer wieder zu unterstützen und Türen und Wege zu öffnen!
- Allen politisch Verantwortlichen, besonders auch dem Landkreis und den Mitarbeitern im Landratsamt, der Gemeinde Gmund und allen Freunden und Unterstützern unserer Schule danke ich sehr herzlich, dass wir an diesem wunderbaren Ort mit dieser hervorragenden Ausstattung und so viel Unterstützung tätig sein dürfen; das macht es uns leicht, Schule zu leben und zu gestalten, das macht es uns leicht, unsere Tätigkeit hier als sinnstiftend zu erleben.
Das M in Seligmanns Modell steht für „Meaning“, also genau diesen Sinn.
Es fühlt sich für mich absolut sinnvoll an, jeden Tag hier in die Schule zu kommen und junge Menschen beim Wachsen begleiten zu dürfen. Und aus dieser eigenen Erfahrung heraus kann ich nur sagen: Füllt euer Leben mit Beschäftigungen, die ihr als sinnvoll wahrnehmt. Strebt danach, Dinge zum Guten zu verändern, alle Menschen ein bisschen glücklicher zu machen als sie es vorher waren, jeden Ort ein bisschen schöner zu hinterlassen, als ihr ihn angetroffen habt. Wählt einen Beruf, der euch erfüllt; und wenn es nicht gleich klappt, versucht es einfach nochmal.
Wir sind glücklich, wenn wir unsere Ziele erreichen; das englische Wort Achievement steht dafür.
Deshalb sind wir heute hier, ihr habt ein großes Ziel erreicht und bekommt jetzt dann gleich euer Zeugnis. In unserer Umfrage haben wir euch auch gebeten, uns ein Zeugnis zu schreiben und es ist ein recht ordentliches Zeugnis geworden: In allen Teilbereichen, egal ob Klassengemeinschaft, Lehrkräfte, Schulleitung, das Schulhaus, Fahrten und auch die Mensa – bescheinigt ihr euch und uns unterm Strich eine solide 2. Die Note zwei bedeutet gut, es ist also fast wie im Märchen – am Ende ist alles gut geworden.
Liebe Absolventinnen, liebe Absolventen,
niemand hat gesagt, dass es immer einfach ist und das wird auch so bleiben: Das Leben ist ein Abenteuer mit Höhen und Tiefen und wird euch noch oft herausfordern. Dass am Ende aber alles gut wird, dass ihr ein Leben reich an Erfolgen, positiver Emotionen, Engagement, gelingender Beziehungen und voller Sinn haben werdet, das wünsche ich euch von ganzem Herzen!
Herzlichen Dank!